Geschichte

250 Jahre russlanddeutscher Geschichte – von der Auswanderung bis zur Rückkehr in das Land der Vorfahren

Vor 250 Jahren sind die ersten Deutschen auf Grund des Manifestes der russischen Kaiserin Katharina II. vom 22. Juli 1763 nach Russland in das mittlere Wolgagebiet eingewandert. Das Manifest diente als rechtliche Grundlage für die von den russischen Regierungen gewollte und gelenkte planmäßige Ansiedlung von Ausländern. In ihm waren die Ansiedlungsbedingungen und damit ihr rechtlicher Status festgelegt. Gesetzlich gehen sie auch in der Literatur als ‚Kolonisten‘ ein. Die ersten Kolonisten siedelten an den Ufern der Wolga in der Nähe der Stadt Saratow. Von 1764 bis 1773 wurden hier 104 Kolonien mit ca. 23.216 Deutschen gegründet. Es bildete sich in den weiteren 250 Jahren eine ethnische Gruppe von Deutschen, die in Russland und in der späteren Sowjetunion lebten.

Aus Rheinhessen und Pfalz erfolgte 1763-1767 die Hauptauswanderung ins Wolgagebiet

Neben dem anhaltinischen Roßlau/ Elbe und Fauerbach/ Friedberg nahm Büdingen in Hessen unter den Sammelplätzen im Deutschen Reich eine besondere Rolle ein. Von hier aus nahmen zahlreiche Transporte ihren Anfang – in Lübeck warteten Tausende Kolonisten auf Einschiffung.
Die Ausreise erfolgte in wochenlanger Schiffsreise auf dem Seeweg über die Nord und Ostsee nach Kronstadt und Oranienbaum bei St. Petersburg. Hier wurden die Kolonisten mit neuer Kleidung ausstattet und leisteten den Treueid auf die russische Krone. Weiter ging die Reise an die untere Wolga. Mehr als 30.000 Auswanderer folgten den großzügigen Angeboten, an der Wolga kamen etwa 27.000 an.

Die erste deutsche Kolonie mit dem Namen Moninger wurde am 29.06.1764 am rechten Ufer der Wolga gegründet (seit 1915 Nischnjaja Dobrinka). Auf beiden Seiten der unteren Wolga gründeten die Ansiedler insgesamt 104 Kolonien (zwei Drittel evangelisch).
Die Gründerjahre mit Missernten und Nomadenüberfällen forderten den deutschen Siedlern zahlreiche Opfer ab. Mit viel Gottvertrauen, Fleiß, Sparsamkeit und Opferbereitschaft konnten die Kolonisten diese harte Anfangszeit überwinden: „Den Ersten den Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot“, lautete ein Sprichwort.
In den folgenden Jahrzehnten kam es zu weiteren Einwanderungswellen und deutschen Ansiedlungen vor allem im Schwarzmeergebiet und in Transkaukasien. Im Gnadenprivileg Pauls I. (1796-1801) vom 6. September 1800 wurden den Mennoniten noch zusätzliche Vorrechte eingeräumt - Befreiung vom Kriegs- und Zivildienst für alle Zeiten, keine Eidesleistung vor Gericht, Gewerbefreiheit etc. Das Manifest Alexanders I. (1801-1825) vom 20. Februar 1804 legte besonderen Wert auf Einwanderer, die gute Landwirte, Handwerker, Winzer oder Viehzüchter waren.
Sowohl die Ansiedlung, als auch das Schulwesen waren stark konfessionell geprägt. 1914 gab es an der Wolga bereits 192 deutsche Dörfer: 152 evangelische und 38 katholische sowie zwei gemischte – katholisch und evangelisch. Im Schwarzmeergebiet waren 1914 etwa 45 Prozent der Kolonien evangelisch, 35,8 Prozent katholisch und 19,2 Prozent mennonitisch.
Die ursprüngliche Ansiedlung von Deutschen in Sibirien und Mittelasien wurde vor allem Ende des 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende 1900 notwendig, als das Land für die Deutschen im europäischen Russland knapp geworden war und die Lage der Deutschen sich aus unterschiedlichen politischen Umständen verschärfte.
Aus ursprünglich 304 deutschen Mutterkolonien sind im Laufe von Jahrzehnten weitere 3.232 Tochterkolonien entstanden. Eine Volkszählung von 1897 ergab, dass 390.000 Deutsche an der Wolga,
342.000 im Süden Russlands und
237.000 im Westen Russlands lebten.
Vor dem Ersten Weltkrieg gab es im gesamten Russischen Reich 2.416.290 Millionen Deutsche.
Im Laufe von Jahrzehnten erreichten die deutschen Siedler an der Wolga, im Schwarzmeergebiet und im Kaukasus sowie in zahlreichen Tochterkolonien (Ural, Sibirien, Kasachstan, Zentralasien) einen beachtlichen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Die Deutschen hatten einen erheblichen Anteil an der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung im Russischen Reich. Landwirtschaft und Viehzucht sowie Weinbau im Süden des Landes und im Kaukasus waren die Haupterwerbszweige. Aufgrund ihrer Leistungen genossen die deutschen Kolonisten in ganz Russland hohes Ansehen.

Verfolgungen und Diskriminierungen: Weltkriege des 20. Jahrhunderts und ihre Folgen

Das 20. Jahrhundert, geprägt von zwei Weltkriegen gegen Deutschland, war für die deutsche Minderheit in der Sowjetunion eine besonders folgenschwere Zeit mit Verfolgungen, Vertreibungen und Diskriminierungen. Im Ersten Weltkrieg kam es zu weitgreifenden Diskriminierungen und Vertreibungen. Den Höhepunkt der deutschen Hetzkampagne bildeten die „Liquidationsgesetze“ von 1915, laut denen Hunderttausende in Grenzgebieten lebende Deutsche enteignet und hinter die Wolga bzw. nach Sibirien ausgesiedelt wurden.
Die Machtergreifung der Bolschewiken im Herbst 1917, Bürgerkrieg, wirtschaftlicher Umbruch und Missernten führten 1918-1923 zu einer der größten Hungerskatastrophen in der Geschichte des Landes. 1921-1924 sollen allein an der Wolga 170.000 deutsche Kolonisten verhungert sein, Zehntausende sind an Seuchen verstorben oder in andere Gebiete Russlands geflohen. Für kurze Zeit profitierten die Wolgadeutschen von der Nationalitätenpolitik der neuen Machthaber. In den deutschen Siedlungsgebieten landesweit kam es zu einem kurzen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung.
Von 1924 bis 1941 existierte die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen mit der Hauptstadt Engels (bis 1931 Pokrowsk), dort waren die deutschen Kulturinstitutionen der Wolgarepublik beheimatet. Deutsche Theater, Zeitungen, Staatsverlage, Hoch- und Fachschulen gab es auch in Südrussland.
Die ASSRdWD war führend in den Bereichen wie Agrartechnik, Herstellung von Dieselmotoren, Milchverarbeitung, Tabakproduktion, Fleisch- und Textilindustrie. Auch im Schwarzmeergebiet und im Kaukasus hatten deutsche Betriebe landesweiten bis grenzübergreifenden Erfolg.
Andererseits gab es 1918-1922 Zehntausende Opfer durch Gewalt und Hunger an der Wolga. Im Zuge der „Entkulakisierung“ 1928-1931 wurden auch Tausende deutsche Mittelbauern enteignet und mit Familien hinter den Ural verbannt.
Infolge der erneuten Missernte 1932-1933 starben ungezählte Deutsche an der Wolga und in der Ukraine den Hungertod.

Sämtliche katholische und evangelische Priester wurden umgebracht bzw. verbannt, die Kirchen zerstört oder zweckentfremdet. Aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit gerieten die Deutschen auch verstärkt unter die Räder des „Roten Terrors“ der 1930er Jahre. Obwohl der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung nur 1,4 Prozent betrug, gehörten sie mit 14,7 Prozent Opfer zu den am meisten verfolgten nationalen Gruppen. 1938 wurden die deutschen Bezirke aufgelöst, die deutsche Sprache in den Schulen außerhalb der ASSRdWD verboten.
Der deutsch-sowjetische Krieg und der Vertreibungserlass vom 28. August 1941 hatten für die Deutschen in der Sowjetunion verheerende Folgen. Nach der Deportation war fast die gesamte deutsche Bevölkerung aus dem europäischen Teil der UdSSR nach Sibirien und Kasachstan deportiert, begann schon ab Ende 1941 die Mobilisierung für die NKWD-Arbeitskolonnen.
Keine andere Ethnie in der Sowjetunion hatte eine derart tiefgreifende physische Ausbeutung erlebt: Von den 1,1 Mio. Russlanddeutschen, die sich während des Krieges im sowjetischen Machtbereich befanden, mussten etwa 350.000 Jugendliche, Männer und Frauen Zwangsarbeit mit Zehntausenden Todesopfern leisten. Bis 1946 lebten ca. 970.000 Deutsche, darunter 280.000 Repatriierten, in der Sondersiedlung in Sibirien, Kasachstan, Mittelasien und im hohen Norden.

Durch die Auflösung aller kulturellen Institutionen in den Herkunftsgebieten, Sondersiedlung unter der Kommandantur Aufsicht, Zerstreuung über Sibirien, Kasachstan und Mittelasien, Studiums- und Berufsverbot wurde die Grundlage für eine eigenständige Entwicklung der Deutschen unwiederbringlich zerstört.

Halbherzige Zugeständnisse: Zwischen Verbannung auf "ewige Zeiten" und Autonomiehoffnungen

Durch Auflösung aller kulturellen Institutionen in den Herkunftsgebieten, Sondersiedlungen unter der Kommandantur Aufsicht, Zerstreuung über Sibirien, Kasachstan und Mittelasien, Studiums- und Berufsverbot wurde die Grundlage für eine eigenständige Entwicklung der Deutschen unwiederbringlich zerstört.
Der Regierungserlass von 1948 legte ihre Verbannung auf „ewige Zeiten” fest. Die Erlasse von 1955, 1964 und 1972 brachten den Deutschen zwar gewisse Erleichterungen, aber nicht den Freispruch vom Generalverdacht. In der Öffentlichkeit wurde die Volksgruppe nach wie vor totgeschwiegen. 1959 lebten 1,6 Mio. bekennende Deutsche in der Sowjetunion – die meisten immer noch in ihren Verbannungsorten.
Auch die staatlich organisierte Assimilierung der Deutschen zeigte Folgen. Die Russifizierung und der Sprachverlust, somit auch der Identitätsverlust, griffen rasant um sich. Wenn 1939 noch für 88 Prozent der Russlanddeutschen Deutsch als Muttersprache galt, waren es 1959 etwa 75 Prozent, 1989 nur noch 48 Prozent mit immer rascher werdender Abnahmetendenz.
Die drei deutschsprachigen Zeitungen, deutsche Rundfunksendungen in kompakten Ansiedlungsorten, ein deutsches Schauspieltheater oder ein deutschsprachiger Literaturalmanach waren angesichts der erdrückenden Parteizensur und staatlich gesteuerten Russifizierung lediglich nur halbherzige Zugeständnisse gegenüber der Volksgruppe. Aber auch unter diesen Umständen konnten sich die Deutschen immer wieder beweisen. Überall, wo sie durch die Willkür des Staates gelandet waren – sei es in Sibirien, Kasachstan oder Mittelasien – ließen sie durch ihre Arbeit blühende Oasen entstehen. „Wo liegt auf Erden jene Wüste, die die Deutschen nicht in blühendes Land zu verwandeln verstünden? Nicht umsonst hieß es im früheren Russland: Der Deutsche ist wie ein Weidenbaum. Wo du ihn hinstreckst, schlägt er Wurzeln“, schrieb der berühmte russische Schriftsteller Alexander Solschenizin in seinem Werk „Archipel Gulag“.
Die Liberalisierung in der Gorbatschow-Zeit nach 1985 schuf zwar Voraussetzungen für die Aufarbeitung der Geschichte er Russlanddeutschen und ihre weitere Rehabilitierung, aber der Prozess wurde nie abgeschlossen – die Russlanddeutschen bleiben nach wie vor die einzige ehemals redressierter Volksgruppe der Sowjetunion, die politisch nicht endgültig rehabilitiert worden ist.
Die kulturelle Wiederbelebung in Form von Volkskunst, die sich bereits seit Anfang der 1980er Jahre in den deutschen Dörfern der Altairegion, Kasachstans oder des Gebiets Omsk ausbreitete, prägte das nationale Selbstbewusstsein der Deutschen und bestärkte die Forderungen nach der Wiederherstellung der Wiederherstellung der deutschen Autonomie.
Im Jahr1989 lebten in der UdSSR 2.040.000 Deutsche:
960.000 in Kasachstan,
840.000 in Russland, davon nur 35.000 an der Wolga.
Der Rest in Kirgisien, Usbekistan und der Ukraine.

Rückwanderung in das Land der Vorfahren – Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion in Nordrhein-Westfalen

Durch den Beschluss des deutschen Bundestages 1955 über die Anerkennung der Einbürgerungen während der Kriegszeit begann die Familienzusammenführung, ausreisen durften nur einige wenige deutsche Familien aus der Sowjetunion. 1972 kam es aufgrund des Erlasses über die Gewährung der Freizügigkeit für alle Sowjetbürger zur ersten großen Ausreisewelle. Als sich die Hoffnungen auf die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und die deutsche Autonomie als Trugbild erwiesen, kam es Anfang der 1990er Jahre zu einer Massenauswanderung der Deutschen in das Land ihrer Vorfahren.

Seit 1988 bis in die späten 1990er Jahre kamen mehr als 2 Millionen Deutsche aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Etwa 2,5 Mio. russlanddeutsche Aussiedler und Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion leben heute in Deutschland. Etwa 600.000 Deutsche sollen heute noch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion verblieben sein, die meisten in Russland und Kasachstan. Im Herbst 1950 wurde auf Initiative konfessioneller Vereinigungen - Lutheraner, Mennoniten, Freikirchen, Katholiken – die Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler gegründet, aus der 1955 die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland hervorging. Das Land Baden-Württemberg ist seit 1979 das Patenland der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.

Demonstrationen für und gegen die Wiederherstellung der deutschen Wolgarepublik

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